Zeitbombe Internet im betahaus

zeitbombe

Gestern Abend lud das Team des betahaus | Hamburg wieder zu einer spannenden Veranstaltung mit Explosionspotential. Die ZEIT-Stiftung präsentierte im Rahmen ihres „Vernetzt Leben“-Projekts unter Moderation von Katharina Borchert (Spiegel Online) die beiden Autoren des Buchs „ZEITBOMBE Internet“, Thomas Fischermann (stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts der ZEIT) und Götz Hamann (ebenfalls stellvertretender Leiter des ZEIT-Wirtschaftsressorts). Vor und mit versammelten „digital Workers“ und Interessierten sollte es ein – sagen wir mal – netter Diskussionsabend werden.

Vorweggeschickt: ich habe das Buch nicht gelesen. Und werde es nicht lesen. Ich schreibe den Abend nieder, nicht das Buch. Wobei „nieder“ hier nicht als „in Grund und Boden“ verstanden werden darf.

Die Autoren begleiten die Entwicklung des Netzes seit vielen Jahren in Schlüsselpositionen. Durch ihre Tätigkeit erhielten Sie Zugang zu Protagonisten und richtungweisenden Personen der technologischen Entwicklung. Entsprechend fundiert glaubt man den Titel „Zeitbombe Internet“ ausgewählt.

Nachdem die Twitterwall im betahaus eingerichtet war, begannen die Autoren ihre Sicht auf das Netz von heute darzulegen. Obwohl ihr Fokus im Buch nicht ausdrücklich auf das „normale“ Netz der Endanwender ausgerichtet sei, landeten sie erstaunlich schnell bei der Datenschutzdiskussion um Facebook, Google und Co. „Das Netz ist gefährlich“. Es folgte eine für meine Vorstellung sehr unstrukturierte und teils stark abdriftende Diskussion um technische Details. Nach konkreten Ideen gefragt, zündeten die Autoren dann aber eine echte Bombe, die die Diskussion anfeuerte:

  • Wir müssen uns mit den 5 großen Playern an einen Tisch setzen,
  • Wir brauchen für jede Anwendung einen eigenen Rechner,
  • Netzwerkgestützte Haushaltselektronik ist ein No-Go,
  • Es braucht mehrere Netze, die unabhängig voneinander existieren

so lauteten sinngemäß die Grundideen.

Rückschrittlich, innovationshemmend, teuer – die Vorschläge stießen auf Unverständnis aus den Reihen der digital Natives.

Die reale Welt als Vorbild?
Wirft man einen Blick auf unsere „echte“ Welt, jenseits der Netzwelt, stellt man fest, dass wir noch heute kaum verbraucherfreundliche, einheitliche Regelungen zum Umgang mit vertraulichen Daten vorweisen können. Wer weiß schon, was im Supermarkt mit seiner Kreditkarte bei der Zahlung passiert? Wer liest die AGBs immer vollständig? Wer hat schon einmal einen Nachsendeantrag bei der Post gestellt und danach viele neue Brieffreunde bekommen? Sind Daten nicht das moderne Kapital globaler Wirtschaftsunternehmen? Besteht daher nicht ein Grundkonflikt zwischen unternehmerischen und persönlichen Zielen zum Thema Datenschutz?

Lösungen anyone?
Aus dem Publikum und dank aktiver Twitter-Kommunikation kristallisierten sich dann aber doch einige Thesen heraus, die einen Weg zeigen, den Zünder der Zeitbombe doch noch rechtzeitig abzustellen zu können.

  • Apps! Im Fensterdschungel Redmonder Betriebssysteme hat es Schadsoftware leicht, unerfahrene Anwender anzuzocken. Die neuartigen Endgeräte (iPhone, Android) mit ihren Apps schränken den Funktionsumfang auf´s Wesentliche ein. Klare Programmstruktur und Kommunikation mit dem Endanwender können helfen, das Nutzerfehlverhalten zu reduzieren.
  • „Problem exists between keyboard and chair“ (Zitat @FrankS). Solange dieser Ausspruch Gültigkeit hat, gilt es weiterhin dem Nutzer zu verdeutlichen, welche Risiken bei Fehlverhalten drohen. Jeder Bankkunde weiß, dass er die Pin nicht auf die EC-Karte schreiben sollte. Warum also geben Menschen diese geheimen Daten achtlos auf togeischen Webseiten ein?

Ende gut, alles gut?
Mitnichten. Mit ihrer These, innerhalb der kommenden 5 Jahre wird die Zeitbombe im Internet explodieren und drastische Vermögensverschiebungen bewirken – sollte man sich nicht an ihre Handlungsempfehlungen im Buch orientieren, beendeten die Autoren die offene Diskussion mit den Anwesenden.

Spätestens in diesem inhaltlichen Kontext erscheint der Buchtitel marketingtechnisch geschickt gewählt. Man nehme die „ZEIT“ als seriös-geprägtes Synonym für das gleichnamige Printerzeugnis und kombiniere es mit springerscher „Wir werden alle sterben”-Panikmache und heraus kommt ein Wortmonster, welches perfekt in die derzeit geführte nationale Panikmache in Punkto Facebook-Parties, Oslo-Internet-Killer und Anonymous-Hacks schlägt. Eine Bomben-Verkaufsstrategie.

Dennoch begrüße ich die angestoßene Diskussion. Denn nur wer über Themen redet, beschäftigt sich mit ihnen (meistens). Aber ich halte es für unglücklich, sich ohne konkrete, realistische Ideen in einer Diskussion öffentlich zu äußern. Nicht selten werden sich die Autoren einem weniger fachkundigen Publikum wie es im betahaus gestern vertreten war, gegenübersehen. Und so mancher Outsider glaubt in den Ideen sinnvolle Vorschläge zu sehen. Und dann wird´s gefährlich.

Update: Hier gibt es das Buch übrigens zu kaufen: Zeitbombe Internet: Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird
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Update:
Hier ein kleiner Interview-Zusammenschnitt, der schön die verschiedenen Meinungen des Abends zeigt:

kommunikation.vernetzt# 2 from .vernetzt# on Vimeo.