Sascha Lobo über neue Arbeitswelten

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Gestern Abend lud das betahaus | hamburg in Zusammenarbeit mit OTTO ein, um Sascha Lobo´s Sicht der Dinge auf die “Neue Arbeitswelt” zu erfahren. “Wie die digitale Generation und Großkonzerne zusammenfinden können” bot gerade aufgrund der Anwesenheit einiger Vertreter von OTTO teils unterhaltsames aber sehr viel Substanzielles.

Obwohl das Betahaus mit 60 Anwesenden gut gefüllt war, gab es doch eine Reihe von Interessierten, die eben nicht die Möglichkeit hatten, den Auftritt live zu erleben. Selbst der Twitterstream war im Vergleich zu anderen Veranstaltungen eher schmal. Herr Lobo ließ den Anwesenden dank Art und Inhalt des Vortrags kaum Möglichkeiten, sich in die virtuellen Tastaturen ihrer Smartphones zu verkriechen. Er sagte soviel Essentielles, dass ich es – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – hier dokumentiere. Auch als ewige Notiz an mich selbst.

Das Zusammentreffen von Freischaffenden und Großkonzernen ist quasi die Begegnung von zwei unterschiedlichen Kulturkreisen, die für den Projektzeitraum harmonisiert werden müssen. Sascha Lobo beschreibt anhand von Fehlern und Lösungen, wie sich Freischaffende gegenüber Konzernen positionieren, ich beschreibe das mit meinen Worten, wie ich es interpretiere:

  • Klare Leistungen und Produkte:
    Wenn man selbst schon Probleme hat, seine eigene Dienstleistungen zu beschreiben, wie soll dann der potentielle Neukunde das erst verstehen? Hier gilt es sich zu fokussieren und sein Leistungsportfolio klar und deutlich aufzubauen, so dass es jeder ohne lange Erklärungen begreift.
  • Spezialisierung, Professionalität, nicht Preis:
    Der Auftraggeber kauft Spezialisten ein, keine Bauchläden. Und schon gar keine Billigheimer. Der Preis ist gerade in Großkonzernen nicht der Schlüsselfaktor für die Entscheidung für oder gegen eine Zusammenarbeit. Natürlich wirken völlig astronomische Vorstellung als Türöffner nach draußen. Man sollte sich vor Augen führen, dass Unternehmen bestimmte Leistungen einfach nicht selber erbringen können – und eben darum auf die Unterstützung der digitalen Generation angewiesen sind. Diese Spezialisierung hat ihren Preis und den sollten sich die Freelancer untereinander nicht gegenseitig mit Dumpingpreisen zertrümmern.
  • Verhandlung: Klarheit und Selbstbewußtsein:
    Eine Anwesende von OTTO schilderte, dass manch Freelancer  sich und seine Leistung so präsentiert, dass er – würde er sich um einen Ausbildungsplatz bewerben – gleich wieder rausfliegen würde. Die Regel ist so banal wie einfach: sei überzeugt von dem was du tust, verkaufe nicht nur dein Produkt professionell, sondern auch dich. Unternehmen wollen Sicherheit. Gib sie ihnen schon mit deinem Auftreten.
  • Fehlende Größe/Erfahrungen: Offenheit, Erklärung des Netzwerks:
    Wenn ein spezialisierter Grafiker plötzlich komplexe Fähigkeiten in PHP, Java und Serverwartung vorzeigt, wird´s brenzlig, da es o.g. Regeln widerspricht. Niemand kann alles, schon gar nicht professionell. Dabei haben die Freelancer ein Ass im Ärmel: ihr Netzwerk. Es braucht nur die Stärke, zu sagen “ich kann das nicht aber ich kenne einen Spezialisten der das kann”. Sascha Lobo erklärte an sich selbst, dass er nicht gebucht wird, weil er so ein großer Programmierer ist, sondern weil seine Kunden wissen, dass er ein extrem professionelles Netzwerk hat und einen passenden Programmierer “auftreiben” wird.
  • Indirekte Überzeugung: Munitionierung der Ansprechartner, Wir-Bezug, Vorteile klären:
    Selten sitzt man während eines Projektes den tatsächlichen Entscheidern gegenüber. Meist arbeitet man mit Mitarbeitern jenseits der Führungsebene zusammen. Da bedarf es Geschick im Weiterreichen von Vorschlägen, Änderungen und Projektspezifischem. Dabei heißt “Munitionierung” nicht anderes, als das der Freelancer sein Gegenüber so mit schlagkräftigen Fakten ausstattet, das dieser diese selbstständig, selbstbewusst und gut vorbereitet  weitertragen kann. Herr Lobo führte das Beispiel an, in dem er einen Ansprechpartner mit einem Frage/Antwort-Katalog ausstatte, so das dieser im Gespräch mit dem Vorstand schon alle Antworten auf die auftauchenden Fragen parat hatte. Sicher ein plakatives Beispiel. Aber es zeigt, wie´s gehen kann.
  • Angst auf Kundenseite: Zuverlässigkeit durch Kommunikation und Transparenz
    Man muss sich das einfach nur selber vorstellen: man investiert eine Stange Geld in eine andere Person und die meldet sich wochenlang nicht. So geht es Unternehmen, wenn sie Freelancern Jobs übertragen. Im Großkonzern ticken die Uhren genauer. Wenn ein Dokument 11:00 Uhr abgegeben werden muss, dass bedeutet das nicht 11:01 Uhr. Ist dies nicht möglich, muss mit Vorlauf darüber klar kommuniziert werden. Eben jene konzerninterne Kommunikationsstruktur sollte sich der Freischaffende angewöhnen, um das Gefühl der  Angst auf Kundenseite zu minimieren.
  • Anspruch und Verfügbarkeit: klar kommunizierte Regeln
    Wer nicht Samstag Nacht vom Kunden angerufen werden möchte, der muss dies – im besten Fall vor Projektbeginn – klar kommunizieren. Niemand wird ernsthaft Projekte ablehnen, bei denen der Freelancer eben nicht 24/7 erreichbar ist.
  • Projektprobleme: Kommunikation, Dokumentation der eigenen Leistung, Evaluation (Auswertung)
    “Was machst du eigentlich den ganzen Tag?” – solche oder ähnliche Fragen der Ahnungslosigkeit sind keine gute Basis für vertrauensvolles Miteinander. Es ist essentiell, Arbeitsschritte zu dokumentieren, Ergebnisse zu kommunizieren und Abschnitte abzuschließen. Transparenz und Verbindlichkeit schaffen Sicherheit auf Konzernseite.
  • Unklare Erwartung: Kommunikations-Routine
    Regelmäßige Projektmeetings – egal ob nötig oder nicht – sorgen für Sicherheit, klare Kommunikation und helfen, überhöhte Erwartungen auf ein realistisches Maß zurück zu fahren. Auch wenn solche Meetings eher als Last angesehen werden, gehören sie zum professionellen Miteinander zwischen Großkonzern und Freischaffendem. Sie sind Teil der Unternehmenskultur und die muss berücksichtigt werden.
  • Fremdheit und Unverständnis: Botschafter einer neuen Welt
    Jeder Freelancer sollte sich das groß an die Wand schreiben. Der USP ist “die neue Welt”, die Kunst ist es, Großkonzernen eine Brücke in diese Welt zu schlagen und sie nicht ratlos am anderen Ufer stehen zu lassen. Erst wenn das Gegenüber das leise Gefühl hat, zu verstehen, was geht, wird es beginnen, sich zu entspannen und das Klima für ein produktives Miteinander zu schaffen.
  • Irgendwas: Vorbereitung, Freundlichkeit
    Eigentlich logisch und dennoch ein häufiger Grund für das Scheitern von Geschäftsbeziehungen. Gestern Abend zu lange gefeiert, keine Ahnung, was der Inhalt der letzten Mails war und das 1×1 der Freundlichkeit zu Hause gelassen: so macht man sich seine mühsam erarbeitete Geschäftsbeziehung kaputt.

Mit Sicherheit eine ganze Menge wahrer Worte, die Herr Lobo gestern Abend gesprochen hat. Ich kann seine Schilderungen über die Strukturen und Gewohnheiten von Großkonzernen nach 10jähriger Tätigkeit in einem selbigen nur bestätigen. Seine Handlungsempfehlungen sind, seien sie noch so “banal”, wertvoll.

Abschließend noch 2 Weisheiten, die in die Analen des literarischen Leistungsverzeichnisses der deutschen Sprache aufzunehmen sind:

Generation ist eine Haltungsfrage und keine Altersfrage.

Es ist wichtig, was man nicht gemacht hat als das was man gemacht hat.

Denkt mal drüber nach.