YouTube, die GEMA und das Mittelalter

Es klang wie ein Aprilscherz über den niemand lachen kann, nicht einmal die, die ihn inszenierten. Das Videoportal YouTube und die GEMA, die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, erlangten keine Einigung bei Verhandlungen über die Verlängerung des Lizenzvertrags.

Die GEMA wird von Künstlern beauftragt, für die öffentliche Aufführung von urheberrechtlich geschützten musikalischen Werken Lizenzvergütungen einzunehmen und diese nach einem komplexen Verteilerschlüssel an die Künstler auszuschütten.

Während in den zurückliegenden 18 Monaten anhand einer Pauschalvergütung abgerechnet wurde, erhebt die GEMA nun angeblich die Forderung von zwölf Cent je Stream. Wirft man einen Blick auf die Zugriffs- und Abspielzahlen mancher Videos, so kann man leicht überschlagen, dass es um richtig viel Geld geht.

Auch wenn YouTube, inzwischen von Google gekauft, derzeit an Modellen zur Refinanzierung arbeitet – z.B. das Einblenden von Werbebannern und Links zu Kaufmöglichkeiten der Songs – dürfte die geforderte Summe nur schwer einzutreiben sein. Als Konsequenz kündigte YouTube an, auf der deutschen YouTube Plattform – ähnlich der Vorgehensweise in Großbritannien vor zwei Wochen – Videos der Tonträgerfirmen zu sperren, obwohl die GEMA YouTube gegenüber ausdrücklich ihre Bereitschaft zur Fortführung der Vertragsverhandlungen signalisiert hat.

Dieses Säbelrasseln zeigt zwei Seiten einer noch neuen und glänzenden Medaille. Zum einen hat YouTube die Art und Weise des “Musikfernsehens” neu definiert. Jeder kann sich jeder Zeit nahezu jedes Video ansehen. Videos unbekannter Künstler werden dank Einbettungstechnologie und Social-Media-Verknüpfung in Windeseile weltweit bekannt. Alte, längst verschollene Klassiker, die kein Musik- oder Radiosender spielen würde, tauchen auf YouTube auf und erlangen neue Aufmerksamkeit. YouTube ist ein Archiv der Musik- und Videogeschichte. Jedoch, und so fair muss man sein, profitieren die jeweiligen Künstler nicht unmittelbar.

Die GEMA sieht sich dieser neuen und unkalkulierenbaren Plattform gegenüber. Ohne konkrete Vorstellungen über den Nutzen, die Wirkung und die Chancen, scheint es, als wolle man schnellstmöglich maximalen Ertrag generieren. Es scheint, als sehe die GEMA nur mit dem Auge, welches für die Monetarisierung verantwortlich ist. Das Chancen-Auge bleibt verschlossen. Auch wenn ein Signal zur Verhandlung gegeben wurde, bleibt fraglich, ob die GEMA von ihrer traditionellen Strategie abrückt und YouTube als Chance für Künstler begreift.

Solange sich beide Parteien ums Geld zanken, bleiben YouTube-Nutzer und Künstler auf der Strecke, da die Videos sukzessive gesperrt werden. Was die Nutzer dazu sagen, dürft jedem klar sein. Mich würde jedoch interessieren, was betroffene Künstler über diese Diskussion denken.