Hosen runter zum Schwanzvergleich

Blogcharts

Es ist eine existenzielle Leidenschaft der Menschen, sich mit anderen zu messen. Schon in der Kindheit wurde der Komperativ antrainiert. Schneller, höher, weiter waren die Kriterien, um beim Quartett zu gewinnen. Später, in der Pubertät, ging es unter der Dusche weiter. Wessen ist länger? Zeitgleich hangelte man sich durch die Top50 der deutschen und internationalen Musik-Charts. Wer oben stand, war top, wer unten stand, war flop. Die Charts reflektierten dabei nicht nur, sie schufen auch den Mainstream. Wer sich damit brüstete, die neue Platte eines Künstlers jenseits der Plätze 50-100 sein Eigen nennen zu können, war schneller unten durch, als er “Hit” sagen konnte. Und so wundert es (oder auch nicht), dass sich die aufgeschlossenen Blogger ebenfalls zu Charts hingezogen fühlen.

Dem deutschen Blogger stehen eine Hand voll Chartbuilder zur Verfügung, die der Aussenwelt zeigen, wie top oder flop (s)ein Blog ist. Neben den deutschen Blogcharts, die das Ranking anhand der Blogreactions aus Technorati ermitteln, orientiert sich Blogoscoop an den Zugriffszahlen. Seit Kurzem gibt es jetzt auch noch die Lesercharts, welches sich die Feedburner-Abonnenten als Kriterium für die Bedeutung eines Blogs ausgesucht hat.Damit hätte jeder der üblichen Verdächtigen sein eigenes Ranking.

Schöne Statistiken allesamt. Aber was soll das? Seit wann sind Blogger so “old-school”? Schaut man sich einmal das typische Nutzerverhalten der Massen an, dann scrollt niemand jenseits der Top 100. Die deutschen Bloggercharts ignorieren sogar auf die Schreiber jenseits der Hundert. Was zur Folge hat, dass der, der top ist top bleibt und der, der sich die Finger im unteren Drittel wundtippt, flop bleibt. Zwar geht Blogoscoop einen Schritt weiter und zeigt thematisch oder geografisch benachbarte Blogs, aber dennoch scheint das Ranking in dieser Form ungeeignet oder zumindest benachteiligend. Kaum ein ambitionierter Blogger beschäftigt sich mit den Beiträgen der “niederen Ränge”. Wer oder was sagt uns, dass das strategisch sinnvoll ist?

Zwar sind die Zugriffszahlen, Technorati-Reactions oder RSS-Abonnenten nur Resultate mühevoller Arbeit und stellen entsprechende Anerkennung des eigenen Schreibens dar, aber sie verhindern auch, dass interessante Nischen-Beiträge im Nirvana verschwinden. Die Diskussion, die deutsche Blogosphäre sein nicht innovativ genug, wird mit zunehmendem Chart-Getue durchaus angeheizt und mit Argumenten befüllt. Wer immer auf dem neuesten Stand sein möchte, hat mindestens die Top20 per RSS abonniert und kann somit täglich zwanzigfach die selbe Nachricht lesen. Es stand einmal geschrieben, dass man mindestens die rivva-Aggregation abonniert haben sollte, um zu wissen, was abgeht. Das klingt wie RTL2.0.

Vielleicht gibt es da draußen mal einen Programmierer, der die geschrieben Beiträge nach Individualität und Einzigartigkeit bewertet. Beiträge, die im “Mainstream” auftauchen, werden niedriger bewertet. Es ist zu unterstellen, dass sich die Vielfältigkeit der Beiträge signifikant erhöht und eine nicht zu unterschätzende Themendynamik einsetzt, die wir heute vielerorts vermissen.

Was hältst Du von dieser gewagten Theorie?