Eine Schule für alle

Das ist ein Gastbeitrag des Sultan, Mitzwanziger, angehender Lehrer zum Hamburger Volksbegehren “Eine Schule für alle”. Bildung geht uns alle an und für cleveren Nachwuchs jenseits der “Generation Doof” gilt es neue Wege zu gehen. Manch ein Weg wird kein leichter sein, aber Wege entstehen bekanntlich beim Gehen.

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(CC) by Lin Pernille

Die mediale Wirksamkeit undurchsichtigerer Reformen sind Grund und Anlass vieler so genannter Experten, ob nun politischer oder auch ökonomischer Natur, sich diesen zu bedienen um ein kurzen Moment des Ruhmes zu erhaschen, auch wenn es sich dabei nur um einen Gastauftritt bei Anne Will oder einen Eintrag bei Spiegel-Online handelt. Aus diesen Wirren heraus ergeben sich allerdings durchaus ernst gemeinte Reformbeiträge die ein konkretes Ziel verfolgen.
Ein positives Beispiel ist für mich die geplante Neuerung des Hamburger Schulsystems. Repräsentative Studien zeigen schon seit Jahren, dass Deutschland im internationalen Schulvergleich immer die hinteren Plätze belegt. Doch da des Deutschen liebstes Kind nicht etwa unsere Sprösslinge sind, sondern noch immer König Fußball diesen Platz einnimmt, werden lieber Projekte zur Frühförderung der fußballerischen Kompetenz ins Leben gerufen und diese umfangreich subventioniert um möglichst schnell wieder im internationalen Vergleich bestehen zu können.
Bei dem Thema Bildung werden vergleichbare Maßnahmen eher halbherzig verfolgt. Doch nicht nur die größere Wertschätzung der sportlichen Betätigung gibt Grund zur Sorge, sondern auch das von diesem adaptierte System der Bestenauslese. Wo Fußballer ein Probetraining nicht überstehen, werden auch Schüler bei mangelnden Schulerfolg in eine “schlechtere Liga” transferiert. Aus einem störenden Realschüler wird so leicht ein demotivierter Hauptschüler, ohne die “Trainingsmethoden” eventuell auf ihre Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Hier bricht die zweite Bürgermeisterin und Senatorin für Bildung in Hamburg Christa Goetsch eine Lanze für diese Schüler, da ihr nicht verhandelbares Credo lautet, die Kinder nicht mehr so früh auf starre Lebensgleise zu stellen.
Vergleiche zwischen Schlusslichter (etwa Deutschland) und Gewinnern (etwa Finnland) der PISA-Studie geben ihr in sofern Recht, dass ein finnische Schüler erst ab dem 16ten auf eine weiterführende Schule wechselt. In Deutschland vollzieht sich dieser Schritt sehr viel früher, nämlich schon mit dem 10ten Lebensjahr. Die Hamburger Schulreform will sich dem europäischen Standard angleichen, indem es ab 2010 überall in Hamburg Primarschulen geben soll, an die sich ab der siebten Klasse (also mit 12 Jahren) zwei Wege zum Abitur anschließen – die Stadtteilschule und das Gymnasium (vgl. http://www.hamburg.de/schulreform). Und genau hier regt sich Widerstand. Elternteile aus zumeist gleicher gymnasialer Schulgenealogie sehen hier nicht etwa eine “positive Gleichmacherei”, sondern der Verlust von zwei Klassenstufen auf dem Gymnasium. Die Urangst die humboldtsche Errungenschaft einzubüssen, überwiegt den in der universitären gelehrten erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen, dass die Vermittlung von Wissen bei Schülern/Innen zumeist dann am besten gelingt, wenn es a) selbst erfahrbar wird und b) es durch Gleichaltrige vermittelt wird. Ein einfaches Beispiel: Ein Kind erlernt die Funktion eines Spielgerätes eher, wenn es selbst ausprobiert und/oder es von anderen Kindern vorgemacht wird, als wenn ein Erwachsener (mit einer anderen Sicht auf die Welt) dieses tut. Weiter reichen Sachkompetenz und umfangreiches Fachwissen nicht aus um Wissen zu erlangen, erst die Transformation von “schulischen Wissen” in den persönlichen Lebensbereich mit einem konkreten Anwendungsbezug lassen Wissen erfahrbar und nachhaltig werden.
Auch wenn die Hamburger Schulreform zunächst keine pädagogischen Neuerungen präsentiert, so schafft sie dennoch eine Basis für diese. Es stellt sich nun die Frage, ob der aus dem zumeist einflussreichen und eloquenten Hamburger Bildungsbürgertum kommende Widerstand bewusst mögliche Chancengleichheit verhindern möchte, und so seinen Nachwuchs nicht zumuten will mit dem späteren Angestellten die gleiche Schulbank zu drücken? Denn auch wenn die Aristokratie historisch betrachtet der Vergangenheit angehört, so könnten auch heute noch gewisse Vergleiche angestellt werden. Vielleicht geht es also nicht um die Diskussion über das Anliegen von Goetsch “Wir wollen lernen”, sondern es herrscht das fehlende Bewusstsein, dass Reformen nötig sind um nicht nur im fußballerischen Wettbewerb sondern auch im Bereich der Bildung international bestehen zu können. Die Hamburger Schulreform hat nicht zum Ziel das elitäre Ungleichgewicht ins Gleichgewicht zu bringen und so den “starken Schüler” zu bremsen, sondern den Bedarf der Kommunikation zu decken und dadurch auch die Leistungsschwächeren Schüler/innen nach ihren einen individuellen Möglichkeiten zu fördern. Brach liegende Kompetenzen nicht zu fördern würde die bedeuten, die Chance zu verpassen neue Ideen zu fördern und diese zu entwickeln.
Allerdings muss auch diese Neuentwicklung natürlich auch kritisch betrachtet werden. Der Zusammenschluss von Schulklassen und die Wegrationalisierung der Hauptschule, dürfen nicht gleichbedeutend mit Abstufung der vorherrschenden Schulzweige sein. Auch benötigen Reformen immer die Anwendung von neuen Ressourcen. Der Zusammenschluss von Klassen heißt nicht, dass größere Klassen einen größeren Bildungserfolg verbuchen wenn die Lehrerkapazität gleich bzw. vermindert wird. Der Ansatz muss hier früher erfolgen, nämlich die verbesserte und vermehrte Ausbildung von Lehrkräften als auch Sozialpädagogen. Denn ein Fortschritt des deutschen Bildungssystems ist gleichbedeutend mit einer individuelleren Förderung des einzelnen Schülers. Auch hier sollte sich also ein Beispiel an den “Gewinnern” der PISA-Studie genommen werden.


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